Das gesellschaftliche Bewusstsein folgt dem individuellen

Ein sehr interessanter Artikel, auch wenn er in der
Einleitung etwas trocken ist (Rudolf-Steiner-Zitat!),
aber es lohnt sich wirklich ihn zu Ende zu lesen.

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Was für ein bemerkenswertes Team,
der Götz Werner und sein Team!

Seit fast einem Jahrzehnt fährt Götz Werner,
mit seinem Team und seinem Bus, durch Städte und Gemeinden
und versucht aufzuklären, warum ein bedingungsloses
Grundeinkommen so verdammt wichtig ist.
Leider fehlt es – auch hier wieder –
den Menschen an Vorstellungskraft.
Sie halten sich so sehr an irgendwelchen Gegenargumenten
fest, dass ihnen die Vorstellung einer befreiten
Menschheit gar nicht mehr in den Sinn kommt.
Die meisten probieren es nicht einmal. Sie haben Angst.
Sie denken, sie befänden sich in einem sicheren System.
Und solange die Masse noch damit beschäftigt ist,
Arbeit mit Einkommen gleich zu setzen,
wird sich auch nichts ändern.
Manchmal habe ich auch das Gefühl, die Leute haben
Angst, ihren Arsch dann bewegen zu müssen.
„Wer sagt mir dann, was ich tun muss bei der Arbeit?“
„Wer befehligt mich?“
Viele könnten mit der gewonnenen Freiheit nichts anfangen.
Dann müssten sie ja sprichwörtlich neu laufen
lernen, wenn man ihnen die Krücken abnimmt.

Zur Aktualität der Idee
eines Bedingungslosen Grundeinkommens

Autorenbeitrag von Götz W. Werner

«Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so grösser, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heisst, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden. […] Worauf es also ankommt, das ist, dass für die Mitmenschen arbeiten und ein gewisses Einkommen erzielen zwei voneinander ganz getrennte Dinge seien.»
Mit diesen Worten formulierte Rudolf Steiner 1906 eine Erkenntnis, die heute eine Faktizität ist. Wir sind alle Fremdversorgte und Fremdversorger. Menschen in den Industrieländern arbeiten nicht mehr für sich, sondern stets für andere und sind selbst auf die Leistungen anderer angewiesen, um leben zu können.

Bitteschön-Dankeschön-Gesellschaft

Weltumfassende Wertschöpfungsprozesse sind zwar eine gesellschaftliche Realität, wir haben sie aber noch nicht mit dem Denken und dem Herzen erfasst. Wir arbeiten zwar miteinander füreinander, aber viel zu oft können wir erleben, dass Menschen denken, der andere sei nicht so schlau und auch nicht so wichtig wie sie selbst. In einer Wertschöpfungskette ist aber jeder Beitrag, jeder einzelne Schritt unverzichtbar. Die Menschen in Europa leiden an zu viel Geringschätzung, an zu viel Misstrauen füreinander. Eine arbeitsteilige Welt fordert von allen Beteiligten: Dass sie sich auf Augenhöhe begegnen. Dass sie ihrem Gegenüber zunächst einmal Zutrauen entgegenbringen. Dass sie den Beitrag ihrer Mitmenschen wertschätzen. Wer konsumiert, müsste stets Dankeschön sagen – und wer produziert stets Bitteschön. Wir brauchen eine Bitteschön-Dankeschön-Gesellschaft.
Das gesellschaftliche Bewusstsein muss sich die Erkenntnis, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, noch erarbeiten. Wir stehen noch am Anfang dieser Bewusstseinsentwicklung. Eine Kluft zwischen Faktizität und gesellschaftlichem Bewusstsein führt zu Dissonanzen, die sich im Sozialen abbilden.

Menschenwürde

So steht zwar in der Schweizerischen Bundesverfassung «Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen», oder im Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland «Die Würde des Menschen ist unantastbar», aber wir leben es noch nicht. Würden wir es leben, wären beispielsweise die Hartz-IV-Gesetze in Deutschland nicht möglich. Das zeigt, dass nicht einmal Verfassungsrichter in ihrem Bewusstsein so weit sind, dieses Menschenrecht zu beherzigen.
Solange wir die Würde des Menschen nicht wahrhaft achten, werden weiterhin viele Mütter, Kinder, behinderte Menschen oder Erwerbslose stigmatisiert. Es ist ein gesellschaftlicher Irrsinn, so viele Menschen auszugrenzen. Denn die Erkenntnis Steiners, dass «… je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heisst, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt …», setzt voraus, dass jeder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Mit Ausgrenzung beschneidet sich eine Gesellschaft ihres Entwicklungspotenzials. Um solche soziale Dissonanzen zu vermeiden, braucht es eine beständige Bewusstseinsleistung. Das Bewusstsein darf sich nicht vorrangig an der Vergangenheit orientieren, sondern braucht eine vorurteilsfreie Wahrnehmung der Realität.
Die Missachtung der Würde von benachteiligten Menschen ist eine Fehlentwicklung, ebenso wie die vorherrschende Selbstversorger-Mentalität. Solange zu viele Menschen meinen, sie würden für sich arbeiten und nicht für ihre Mitmenschen – oder dass sie im Alter von ihren Ersparnissen leben würden und nicht von Gütern und Dienstleistungen, die die junge Generation hervorbringt –, werden wir keine Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit in unserer Gesellschaft erleben.

Der archimedische Punkt

Die Frage ist: Wie schaffen wir es, die Kluft zwischen dem gesellschaftlichen Bewusstsein und der Realität zu schliessen? Der archimedische Punkt ist die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens. Wer Menschen beobachtet, die mit der Idee zum ersten Mal in Berührung kommen, bemerkt, wie sie die Menschen emotional bewegt – manchmal sogar aufwühlt.
Die Grundeinkommensidee wirft Fragen auf. Menschen beginnen tradierte Denkmuster in Frage zu stellen. Wer die Welt gestalten will, braucht anregende Fragen. Eine Sozietät lebt von Fragen. Sobald Antworten das Miteinander beherrschen, macht sich Routine breit. Mit Routine kann die Zukunft aber nicht gestaltet werden. Dazu braucht es Bewusstsein und dies wird mit Fragen befeuert.
Je mehr Menschen diese Idee zu ihrer ergebnisoffenen Forschungsfrage machen, um so schneller wird sich das gesellschaftliche Bewusstsein daran entwickeln. Das gesellschaftliche Bewusstsein folgt dem individuellen Bewusstsein.

Die kopernikanische Wende

Es braucht die Einsicht, dass jede sinnvolle Tätigkeit für andere Arbeit ist – ungeachtet dessen, ob und wie sie entlohnt wird. Es braucht die Einsicht, dass Einkommen nicht die Bezahlung von Arbeit ist, sondern die Ermöglichung von Arbeit. Eine Zahlung ist ein in die Zukunft gerichteter Auftrag, eine Leistung zu reproduzieren. Und es braucht die Einsicht, dass in einer Konsumgesellschaft jeder Mensch zuerst ein Einkommen benötigt, um leben zu können und um anschliessend seinen Beitrag für die Gemeinschaft erbringen zu können. Das Bedingungslose Grundeinkommen werden wir erst einführen können, wenn wir diesen Bewusstseinswandel vollzogen haben.

Einkommen als Voraussetzung für Aktivität zu erkennen, kommt für das gesellschaftliche Bewusstsein einer kopernikanischen Wende gleich. Zunächst wären die sozialen Zeitfragen dieselben, aber plötzlich gäbe es ganz neue Perspektiven: Ein Bedingungsloses Grundeinkommen, das jedem Menschen ein bescheidenes, aber menschenwürdiges Leben ermöglicht, wäre nicht mehr nur eine Utopie, sondern eine ernst zu nehmende Alternative.
Die Zeit ist reif, dass wir uns klar machen, dass das «Wohl einer Gesamtheit», wie Rudolf Steiner schreibt, einerseits durch Arbeitsteilung gesteigert wird, andererseits aber auch dadurch, dass jeder einzelne seine individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln kann.
Jeder Mensch braucht einen Freiraum, um sich seiner eigenen Intentionen klar zu werden. Er muss sich seiner selbst bewusst werden. Er muss sich Fragen wie «Was will ich im Leben?» oder «Worin besteht meine persönliche Lebensidee?» stellen und beantworten. Solange aber das Verständnis vorherrscht, dass Arbeit bezahlt wird, und dass wer zahlt auch bestimmt, was getan wird, bleibt unsere Gemeinschaft weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Je mehr Menschen den Freiraum erhalten, um ihre eigene Biografie zu gestalten, um Herr ihres eigenen Lebens zu werden, um so eher gelingt es auch der Gemeinschaft, die eigene Zukunft zu gestalten. Also sinnbildlich im Sattel zu sitzen und die Zügel in der Hand zu halten, anstatt wie gegenwärtig am Schweif des Pferdes zu hängen – wie die Finanzkrise uns täglich vor Augen hält.

Wie steht es aktuell um die Idee des Grundeinkommens? Sie wird epidemisch und in gleichem Masse nimmt ihre Zahl an Gegnern zu. Arthur Schopenhauer hat erkannt: «Eine neue Idee wird in der ersten Phase belächelt, in der zweiten Phase bekämpft, in der dritten Phase waren alle immer schon begeistert von ihr.» Die Idee hat die zweite Phase erreicht.

Schweizer Volksinitiative

2006 sprach ich zum ersten Mal auf Einladung des KunstRaumRhein in der Schweiz über die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens. Damals war das Grundeinkommen für Politiker und Entscheidungsträger im Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben keine ernst zu nehmende Alternative. Die wenigen Befürworter eines Grundeinkommens wurden noch belächelt.
Seitdem hat sich viel getan: In der Zwischenzeit gab es ein Pilotprojekt zum Grundeinkommen in Namibia. In Deutschland unterzeichneten 2009 binnen kürzester Zeit mehr als 50.000 Menschen die Petition an den Deutschen Bundestag zur Einführung eines Grundeinkommens. Aktuell beeindruckt die Eidgenössische Volksinitiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen in der Schweiz mit ihrem Wirken – Anfang Mai hatten bereits 100.000 Schweizerinnen und Schweizer diese Initiative unterschrieben.
Wie viele Menschenbegegnungen sind für 100.000 Unterschriften nötig? Wahrscheinlich mehr als 500.000. Wenn monatelang in der Schweiz viele Menschen mit der Idee des Grundeinkommens in Berührung kommen, angeregt werden, nachdenken und diskutieren – was das als Kulturimpuls für eine Gemeinschaft ist, können wir noch gar nicht absehen.
Heute kann man beobachten, wie die Idee von immer mehr Menschen bekämpft wird. Ende 2012 ist die Publikation «Irrweg Grundeinkommen» erschienen. Im März 2013 kritisierte der Physiker und Ethnologe Benno Luthiger das Grundeinkommen in der Zeitschrift «Schweizer Monat», und in Deutschland sagte der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel gegenüber der Wochenzeitung DIE ZEIT, das Bedingungslose Grundeinkommen sei ein Affront für arbeitende Menschen.

Wer alle Stimmen gegen die Idee des Grundeinkommens zusammenträgt, erkennt wie aktuell die Debatte darüber ist. 2006 hätten sich Befürworter nicht träumen lassen, wie viele Menschen heute die Idee aufgreifen.
Mittlerweile ist eine Europäische Bürgerinitiative zum Bedingungslosen Grundeinkommen gestartet. Diese hat erst 35.000 von einer Million benötigter Unterschriften, aber sie steht auch noch am Anfang. Es bleibt zu hoffen, dass diese Initiative ähnlich erfolgreich wird wie die Schweizer Volksinitiative.
Es gibt noch viel zu tun, damit die Idee des Grundeinkommens die dritte Phase erreicht. Bis dahin sollten wir uns alle die Worte Gottlieb Duttweilers täglich präsent halten: «Das Bewusstsein, dass rings um uns Menschen sind, die ein Recht auf den ‚goldenen Überfluss’ der Welt haben, aber ihren Anteil nicht erhalten, darf uns keine Ruhe lassen. Jeder an seinem Platz muss seinen Teil tun, um das zu ändern.»

Quelle:

http://www.unternimm-die-zukunft.de

„Wer etwas allen vorgedacht,
wird jahrelang erst ausgelacht.
Begreift man die Entdeckung endlich,
so nennt sie jeder selbstverständlich.“

Wilhelm Jensen
deutscher Lyriker und Schriftsteller

„Der Offene findet für jedes Problem eine Lösung,
der Verschlossene findet in jeder Lösung ein Problem.“

Albert Einstein

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