Süße Geschäfte: Die Perfidität des Kindermarketing

Zuckrig, fettig, salzig – und unwiderstehlich.
Kinder sind zu jung, um die Mechanismen der
Werbung zu durchschauen. Die Lebensmittelhersteller
nutzen das auf immer raffiniertere Weise aus.

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Anna ist vier Jahre alt, auf dem Kopf trägt sie eine Kamera, die an eine Bergarbeiterlampe erinnert. So läuft sie durch die Gänge eines Supermarkts. Die Kamera filmt, wohin Annas Blick geht und wann ihre Hände zugreifen.

Nach 20 Sekunden stößt Anna auf die Figur Shaun das Schaf, die auf einer Kekstüte prangt. Anna untersucht die Packung. Kurz darauf entdeckt sie Choco Krispies mit einem „magischen Trinkhalmlöffel“. Anna nimmt die Packung in die Hand. Dann fällt ihr Blick auf bunt leuchtende Fruchtzwerge, an deren Unterseite ein Geschenk klebt: Kühlschrankmagnete. Anna fängt an zu summen. Beim Anblick des Joghurtdrinks Actimel ist sie kaum zu halten. Anna ruft: „Das hier schmeckt lecker!“

Dirk Ziems steht vor 50 Zuhörern in einem Berliner Konferenzraum. Der Film mit Anna in der Hauptrolle ist zu Ende. Ziems lässt die Bilder nachwirken, dann sagt er: „Kinder stehen unter enormer Spannung, auf alles zu reagieren.“ Vor allem kleine Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren. Für sie, sagt Ziems, sei die Reizüberflutung in Supermärkten „nicht zu managen“.

Mit anderen Worten:
Kleine Kinder sind im Supermarkt überfordert.

Man kann dies für eine beunruhigende Erkenntnis halten. Für Dirk Ziems ist es eine lohnende Erkenntnis. Er verdient Geld damit. Ziems spricht auf einem Kongress für Kindermarketing. Sein Vortrag heißt: „Wie kommt die Marke auf den Einkaufszettel?“

Ziems ist Managing Partner der Marktforschungsagentur concept m, einer erfolgreichen Agentur, die gerade ein Büro in London eröffnet hat, zusätzlich zu den Standorten Köln und Berlin. Zu ihren Auftraggebern gehören die Lebensmittelhersteller Kellogg’s, Dr. Oetker und Danone.

Diese Unternehmen bezahlen Ziems dafür, dass er Kindern in den Kopf guckt. Denn dort, in die Köpfe der Kinder, wollen sie hinein. Sie sind schon ziemlich weit vorgedrungen.

Am Ende des Supermarktbesuchs ist der Einkaufswagen, den Annas Mutter zur Kasse schiebt, randvoll.

Das Wunschbild der Kindheit, wie es auch die Werbung immer wieder bedient, sieht so aus: Ein Kind tobt im Garten, vielleicht baut es sich aus Bettlaken eine Höhle oder aus einem Stöckchen ein Schwert. Dirk Ziems’ Vortrag offenbart eine Wirklichkeit, die mit dem Wunsch wenig zu tun hat. Ein Kind läuft mit einer Kamera auf dem Kopf durch den Supermarkt – dieses Bild steht für Kindheit in Deutschland im Jahr 2013.

Kinder sind nicht mehr nur Kinder, sie sind auch: Konsumenten. Die Industrie forscht sie aus und schreibt ihre Gehirne mit Informationen voll, als seien sie leere Festplatten. Es sind Informationen, die sie nicht brauchen.

Schon zweijährige Kinder können inzwischen Mc Donald’s und Burger King auseinanderhalten. Im Alter von zehn Jahren kennt ein Kind heute 300 bis 400 Markennamen.

Quelle und weiter:

http://www.zeit.de/2013/20/kinder-marketing-werbung

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11 Kommentare zu “Süße Geschäfte: Die Perfidität des Kindermarketing

    • Ja, es ist nicht einfach 😦

      Aber wie heißt es so schön:

      Kleine Kinder, kleine Sorgen.
      Große Kinder, große Sorgen.

      Es ist immer eine Frage des Umgangs 🙂

      Ganz LG
      Mara

  1. Man sollte die Kleinen auf keinen Fall Werbefernsehen gucken lassen, das hilft enorm. Viele Familien lassen den Fernseher einfach so laufen und selbst wenn die Kinder angeblich nicht hingucken, bei Werbung horchen und staunen sie alle auf. Die Bilder prägen sich ein und im Supermarkt rennt das Kind sofort zu den schon bekannten Helden.

    • Es geht ja auch um die Massen. Um die Uninformierten, die, die sich nicht die Bohne dafür interessieren, ob man ihre Kinder manipuliert. Die sind auch das beste Publikum für solche Unternehmen. Einer wie uns kennt sich damit aus, weil wir uns dieser Gefahren bewusst sind.

      Ganz LG
      Mara

    • Das ist sicher ein Punkt. Aber aus meiner Arbeit mit Kindern weiß ich das Kinder heutzutage nur einmal aufmucken müssen und schon das bekommen was sie wollen… sie sollen ja mithalten können und sie sollen ja zufrieden sein… das ist sicher nicht bei allen Eltern so aber doch ziemlich oft… das fängt damit an was in der Brotdose ist und hört damit auf welches Label hinten im Pulli eingenäht ist… durchgestylt von vorn bis hinten… „Lifestyle“ 😦

      Meines Erachtens ist es die Haltung der Erwachsenen, die maßgeblich die Haltung der Kinder beeinflusst. So erlebe ich es zumindest immer wieder…

      Je größer der Einfluss dann irgendwann von außen durch andere Kinder und je bewusster sie Strukturen und Gegebenheiten durchschauen umso mehr wächst das Bedürfnis bei dem Kind nicht aus dem Rahmen zu fallen… das ist nun mal so… kein Heranwachsender möchte irgendwie auffallen und schon gar nicht negativ.
      Das ist soooooooooo peinlich!

      Meine Tochter möchte UNBEDINGT ein Touchscreen-Handy… mit 10 !!! Fast alle in ihrer Klasse haben
      bereits ein Handy… und tatsächlich wird sie es wohl diesen Sommer von mir bekommen… weil auch ich möchte das sie erreichbar ist, wenn sie dann die Schule wechselt und ich möchte das sie irgendwie teilhaben kann an den Dingen, die die anderen beschäftigen… bei anderen Dingen bleibe ich dagegen knallhart. Da habe ich meine Gründe und die erkläre ich und bleibe dabei…

      Obwohl man bestimmte Dinge in dem Bewußtsein das es eigentlich einfach nur ein „Naschi“ (Süßigkeit) ist, sich auch mal gönnen kann… Wichtig finde ich das die Kinder ein Bewußtsein dafür entwickeln was eine normale und gesunde Ernährung ist und dies die Regel ist und alles andere eben die Ausnahme…

      Neben dem Werbefernsehen sollte man (vor allem kleine) Kinder schlicht und einfach wenig mitnehmen zum Einkaufen im Supermarkt… sie diesem Trubel und dieser Reizüberflutung ganz einfach nicht aussetzen…

      Einkaufen kann man auch gemeinsam auf dem Markt, auch da kann man Preise vergleichen und mal beispielhaft rechnen, überlegen was man noch für Zutaten braucht oder vorher gemeinsam einen Einkaufszettel schreiben.
      Und oft wird es durch die derben und manchmal fast eigentümlichen Marktverkäufer zu einem Erlebnis der anderen Art, zumal man als Kind auch noch dies oder jenes mal probieren darf…

      Sorry, das ist nun lang geworden… aber mir geht dieses Thema sowas von auf den Nerv… denn für mich ist klar das Eltern da einfach ihre Verantwortung oft nicht wahrnehmen… oder eben selbst in dieser Konsumfalle stecken und es auch so weitergeben…

      • Da hast Du leider Recht, das Bewusstsein der meisten Eltern lässt zu wünschen übrig. Ich habe das große Glück, in einem Ort zu wohnen, wo sich Prestige kaum einer leisten kann. Einmal die Woche tragen die Kinder in der Grundschule Schuluniform und sie dürfen keine Süßigkeiten in ihrer Frühstücksbox haben. Nicht einmal Nutella-Brot ist erlaubt. Die wissen ganz genau, dass Zucker die Kinder aufdreht, damit dämmen sie dieses Problem schon mal ein und sie sind erfolgreich damit.
        Aber die Mehrheit der Schulen ist anders gestrickt.

        Wir müssen es nur konsequent vormachen, dann ziehen die anderen nach und nach hinterher. Das war bei mir hier am Ort mit der Zahnpasta so. Ich habe verbreitet, dass Fluor ein Gift ist und nicht in die Zahnpasta und das Salz reingehört. Auf einmal kaufen sie alle fluorfreie Zahnpasta. Mit dem Salz war es das Gleiche und unser Supermarkt hier am Ort hat darauf reagiert und bietet jetzt Stein- und Meersalz an.
        Vor seiner eigenen Türe erreicht man durch Vorbildfunktion oft ganz viele Nachahmer.

        Ganz LG
        Mara

  2. Meine Tochter kannte mit 4 Jahren weder MC Donalds noch Burger King… und mit konsequenter Haltung habe ich Kellogs und co, sowie Fruchtzwerge etc. aus unserem Einkauf verbannt …

    • Das ist natürlich der Optimalfall 🙂
      Wäre schön, wenn alle so denken würden, dann gebe es auch kein Fast- und Junk-Food mehr.
      Die Eltern bauen so einen Teufelskreis auf, indem sie die Geschmacksnerven der Kinder schon früh auf fettig, süß und salzig konditionieren. Das kriegt man schwer wieder weg. Irgendwann schmeckt denen nichts natürliches mehr, weil es vielleicht nicht fettig, süß oder salzig genug ist.

  3. Die Hersteller haben erkannt, daß sie über die Kinder noch ganz gut an die Geldbeutel der Eltern rankommen –
    bevor diese zum quengeln anfangen, kaufen sie ihnen notgedrungen dies und das.

    Das mit der auf Kinder getrimmten Werbung bei Süßigkeiten ist sowieso eine Unverschämtheit – es sollte doch im Ermessen der Eltern liegen, was die für ihr Kind guthalten und kaufen wollen.

    Aber auch die Zahnarztmeute braucht ja ausreichend Patienten, die sie dann über die Krankenkassen, abkassieren kann.

    Schönes Wochenende!
    Traumfaenger71

    • Also ich kann meinem Kind erklären, warum es nicht noch `ne Tüte Gummibärchen kriegt oder Frosties mit dem Tiger drauf. Ich habe ihm erklärt, dass die Firmen die Kinder mit den Bildchen locken wollen. Das hat er mit seinen fünf Jahren schon verstanden. Er erklärt es auch anderen Kindern.

      Ich finde, es liegt sehr stark in der Verantwortung der Eltern, die Kinder rechtzeitig aufzuklären. Leider sind die meisten Eltern selbst desinformiert. Da ist es natürlich ein leichtes Spiel. Ich sage meinem Kleinen vor dem Einkauf er darf sich eine Sache raussuchen und dann ist Schluß. Das weiß er und manchmal sucht er sich statt etwas zuckrigem einfach ein leckeres Obst aus, das ist ja auch süß.

      Ganz LG
      Mara

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