Der Boden lebt

Warum wir die Grundlage aller Nahrungsmittel
als ein Lebewesen betrachten sollten:

Fruchtbarer Boden besteht nicht bloß aus Mineralien und »totem« organischem Material. Er geht nicht zuletzt aus dem Wirken unzähliger Mikroorganismen hervor. Inspiriert vom Buch »Humussphäre« begibt sich ­Manfred Weber auf die Suche nach dem ­Geheimnis gesunder, produktiver Böden.

»Jährlich werden weltweit 75 Milliarden Tonnen Boden durch Wind und Wasser erodiert, meistens auf landwirtschaftlichen Flächen. Diese Umweltschäden können so schlimm werden, dass Menschen schließlich gezwungen sind, auf der Suche nach fruchtbarem Ackerland ihre Heimat zu verlassen.« Dieses Zitat aus einer aktuellen Studie der Europäischen Union zum Jahr der Biodiversität 2010 belegt, wie dringlich das Problem der Bodenerosion durch falsche Bodenbearbeitung geworden ist.
Seit ich einen eigenen Garten habe, sind mir die genannten Zusammenhänge immer deutlicher bewusst geworden. Ich betreibe die Gartenarbeit auf diesem Stück Land aus Freude an der Selbstversorgung und verstehe mich als Treuhänder des mir anvertrauten Bodens. Meine Aufgabe sehe ich darin, den Boden beständig zu verbessern. Daher habe ich frühzeitig eine Kompostanlage gebaut, um stets genügend gute Erde für meine Hochbeete, zur Pflanzenanzucht und zur Anlage neuer Beete zur Verfügung zu haben. Ich machte schon Erfahrungen in der Zubereitung unterschiedlichster Komposte, habe intensiv, extensiv, flächig kompostiert, lasse selbstverständlich keinen Boden unbedeckt und habe gelernt, auch »Effektive Mikroorganismen« (EM) einzusetzen, weiß also um die Bedeutung des Bodenlebens. Auch mit der aktuellen Entwicklung im Bereich der sogenannten Terra-Preta-Produkte bin ich vertraut.
Durch all dieses durchaus praktische Wissen hatte ich jedoch bislang nicht den Eindruck, dem Verständnis dessen, was wir gemeinhin als Boden bezeichnen, wirklich näherzukommen – eher das Gegenteil schien der Fall zu sein.

Mikrokosmos unter unseren Füßen
Auf einem Gedanken-Spaziergang kommen wir an einer üppigen Wiese vorbei, auf der 20 zufriedene Kühe in der Morgensonne grasen. Diese Kuhherde bringt es bei einem Lebendgewicht von rund 500 kg pro Tier auf etwa zehn Tonnen Gesamtgewicht. Wovon ernähren sich diese Kühe? Natürlich von den Pflanzen, die auf der einen Hektar großen Wiese wachsen, vermuten wir zu Recht. So weit, so gut, doch wovon ernähren sich die Pflanzen der Wiese? Sie betreiben Photosynthese und holen sich über ihre Wurzeln einiges an Stoffen aus dem Boden, glauben wir zu wissen. Doch was ist der Boden eigentlich, in dem die Pflanze wurzelt? Ein mineralisches Gemisch unterschiedlich fein verwitterter Gesteine? Das auch, doch seine oberste Schicht, oftmals nicht mehr als einige Zentimeter tief, ist bevölkert von einer unglaublichen Vielzahl an kleinen, kleinsten und noch viel kleineren Lebewesen, die in einer wässrigen Umgebung organischer Substanzen leben. Das ist es, was Herwig Pommeresche als Humussphäre bezeichnet. Sie erstreckt sich bei intakten Bodenverhältnissen über alle Kontinente der Welt und ist das »ländliche« Pendant zum Plankton der Meere. Wir wissen von diesem Leben im Boden durch Mikrobiologen, die einen Teil dieser für das bloße Auge unsichtbaren Welt entdeckt und beschrieben haben. Eine Handvoll lebendiger Erde beherbergt mehr Mikroorganismen, als es Sterne in unserer Milchstraße gibt, und wir kennen von diesen Mikroben erst etwa ein Prozent, wobei wir weit davon entfernt sind, ihr Leben und Zusammenwirken zu verstehen. Wir wissen allerdings mit ziemlicher Sicherheit, dass der gesamte organische Stoffwechsel der Erde durch Verwesung (»Umwesung« nennt Pommeresche es treffend) in dieser dünnen Schicht Humussphäre geleistet wird. Das sind nach Schätzungen des NRCS (The Natural Resources Conservation Service) um die 400 Milliarden Tonnen an Materie jährlich. Davon ahnen wir bei unserem Spaziergang kaum etwas, denn die Natur erledigt das lautlos und diskret, in der Regel ohne Müll, d. h. ohne nicht verwertbare Reste, nur mit Hilfe ihrer kleinen und kleinsten Mitbewohner der obersten Humusschicht. Auf unserem Hektar Wiese grasen also nicht nur 20 Kühe mit zehn Tonnen Lebendgewicht, sondern sind gleichzeitig auch zehn Tonnen unterirdischer Lebendmasse damit beschäftigt, den planetaren Stoffwechsel (die Umwesung) in Gang zu halten und quasi nebenbei die Pflanzen zu ernähren.

Quelle und weiter:

http://www.oya-online.de/article/read/307.html

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5 Kommentare zu “Der Boden lebt

  1. Ist schon irre, was wo wächst. Selbst auf einem Schutthaufen fangen nach kurzer Zeit Gräser und Kräuter zu wachsen an, wenn ein bißchen Mutterboden dazwischen ist.

    • Mein Sohn und ich haben uns erst kürzlich darüber gewundert, warum auf einem Baumstumpf ein Löwenzahn wächst. Es war weit und breit nicht ein Krümel Erde zu entdecken. Aber Pflanzen brauchen oft nur Wasser und Licht – faszinierend 🙂

      Ganz LG
      Mara

  2. Baumstümpfe und Totholz sind gut für die Wälder und Wiesen, weil sie viele Nährstoffe enthalten. Billionen von Organismen (Pilze, Bakterien, Insekten…) zersetzen das „alte Holz“, so dass es schließlich zerfällt und der Boden die Nährstoffe aufnehmen kann. Nicht selten findet man auf altem Holz junge Bäume, die von den Nährstoffen aus dem Holz leben. Der Kreislauf des Lebens 🙂 Hab letztes Jahr in Bayern im Nationalpark gearbeitet, da haben wir dieses Thema mit den Kindern immer wieder erörtert. Es war faszinierend zu sehen, wie die Natur absolut ohne Eingriff des Menschen auskommt, und dass es ihr dann sogar am besten geht.
    Liebe Grüße

    • Ich hab mal `ne Future-Doku gesehen, da gab es keine Menschen mehr und die Natur hat sich alles zurückerobert. Sogar auf zwischen den Betonwänden sind die Pflanzen rausgeschossen.

      Man muss die Natur nur machen lassen, die regelt das ganz von alleine 🙂

      Ganz LG
      Mara

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