Wir Kriegskinder: Wie die Angst in uns weiter lebt

Eine beeindruckende Doku, die einen zum Nachdenken bewegt. Hierbei bewahrheitet sich mal wieder, dass Zeit eben nicht alle Wunden heilt.
Wir sind Meister im Verdrängen, aber genau das rächt sich irgendwann.
Bei den Kriegskindern kommt es oft im hohen Alter, dann wenn sie keine Ablenkung durch Familie, Arbeit oder andere Dinge mehr haben.

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„Ich finde meine Mutter. Sie blutet am Kopf und das Blut läuft an ihr runter und sie liegt da. Die Tür geht auf und die Russen kommen schon wieder rein. Ich muss meine Mutter schnell retten.”

Urplötzlich, von einem Tag auf den anderen, bricht der Kriegsschrecken erneut mit aller Macht über Elfriede herein.

Die 80-Jährige war noch ein Kind im Zweiten Weltkrieg. Ihre traumatischen Erfahrungen verdrängte sie Jahrzehnte lang, denn sie musste funktionieren als Mutter und Ehefrau. Da war kein Platz für Vergangenheitsbewältigung.

Elfriede ist eines von vielen Kriegskindern, bei denen das alte Trauma im hohen Alter wieder aufbricht. Man nennt sie Trigger – Alltagserfahrungen, die die schrecklichen Bilder und beängstigenden Gefühle auslösen: Gerüche, Töne, Berührungen oder auch verunsichernde Lebensveränderungen machen den Weg frei für das verdrängte Leid. Angehörige und Pfleger in Seniorenheimen stehen diesen Retraumatisierungen oft hilflos gegenüber. „Wir hatten mal eine Bewohnerin, die hat bei der Intimpflege immer ‘Nicht schon wieder! Nicht schon wieder‘ geschrien. Ich denke, die ist im Krieg vergewaltigt worden.”, erzählt eine Altenpflegerin. Ein Drittel der deutschen Rentner wurde im Krieg schwer traumatisiert. Viele von ihnen sind den im Alter wieder auftauchenden Bildern und Kriegserinnerungen hilflos ausgeliefert.

Aber nicht nur die Kriegskinder haben mit den Erlebnissen aus dem zweiten Weltkrieg zu kämpfen. Auch deren Kinder, die so genannten Kriegsenkel, bleiben nicht verschont. „Ich glaube, dass mein Vater das, was er als Kind erleiden musste, unbewusst an mich weitergetragen hat.“ Frank und seine Schwestern sind sich sicher, dass das Kriegstrauma des Vaters die Familie geprägt und über Jahrzehnte unbemerkt schweren Schaden angerichtet hat. Der Vater wie auch die Kinder leiden unter Angststörungen und Depressionen. Wissenschaftliche Studien belegen die Hypothese der Geschwister: Die Ursache für psychische Erkrankungen bei Kindern können die Kriegserlebnisse ihrer Eltern sein. Das Trauma der beiden Weltkriege wird vererbt und prägt seit Jahrzehnten deutsche Familien.

In eindringlichen Gesprächen mit den Betroffenen zeigt die Autorin Dorothe Dörholt die späten Folgen des Krieges in deutschen Familien. Wie haben die grausamen Erfahrungen die deutsche Psyche geprägt? „Wir Kriegskinder“ dokumentiert jedoch auch Wege aus dem Trauma und zeigt Familie Schulz auf ihrer emotionalen Reise in die Vergangenheit ins ehemalige Ostpreußen. Die Kamera ist ein stiller Beobachter, wenn Elfriede von Ängsten überwältigt wird und in einer Trauma-Behandlung mit einer Psychologin die grausamen Erlebnisse neu durchleben muss. Der Film zeigt, dass das Leben von uns allen, die wir im 20. Jahrhundert geboren wurden, überschattet ist vom Trauma des 2. Weltkrieges, auch wenn wir ihn nicht am eigenen Leib erfahren haben. Denn in den Seelen der Nachkommen ist der Krieg noch nicht vorbei.

Quelle: http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/wdr/130507_kriegskinder-100.html

Hier der Link zu einer bewegenden Doku:

>>> Wir Kriegskinder

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6 Kommentare zu “Wir Kriegskinder: Wie die Angst in uns weiter lebt

  1. … Ich denke, daß sich vieles generationsübergreifend auswirkt. – Die aufeinanderfolgenden Weltkriege haben nachhaltig geprägt. – Teile der erlebten Not, Ängste und Traumata sind sicherlich als Muster unbewußt weitervererbt worden. – Es ist ja nur sehr wenig der erlebten Greuel aufgearbeitet worden. – Es wurde verdrängt, totgeschwiegen und ansonsten angeprangert.
    Diese Muster und Gefühle sind weitergereicht worden.

    – Und wer solches konkret erlebt hat, wird durch Verknüpfung mit parallelen Erlebnissen, die durchaus harmlos sein können, an genau das Traumatisierende erinnert.

    Liebe Grüße,

    Frank

    • Ich denke auch, das größte Problem ist „das Totschweigen“. Aber so ist der Mensch „gebaut“, er schützt sich dadurch. Und auf diese Art haben ja viele auch ein hohes Alter erreicht und ein „erfülltes“ Leben gelebt. Dass später einmal alles hochkommt, damit hat ja keiner gerechnet.

      Wir dürfen einfach nicht mehr so schnell über das Verhalten von alten Menschen urteilen, sondern uns darauf besinnen, das sie auch ihre Päckchen zum Tragen hatten.

      Ganz LG
      Mara

  2. Wie gut, dass das Thema heute wieder hochkommt!

    Ich habe nach dem Tod meiner Mutter an Hand ihrer Tagebuchaufzeichnungen von 1941 (da war sie zwölf Jahre alt und der Krieg mit Russland war plötzlich ganz dicht vor der Haustür im Ostpreußischen Gumbinnen) das Buch „Marjellchen“ geschrieben. Es war mir natürlich ein wichtiges Anliegen, das Buch zu schreiben, es kam im letzten Herbst auf den Markt. Inzwischen ist schon die zweite Auflage gedruckt, denn mein Thema war plötzlich voll im Trend. Das freut mich natürlich sehr. Hier für alle Interessenten der Klappentext, mit freundlichen Grüßen, Gabriele Schreib M.A.

    „Die Mutter stirbt und das ist immer ein gegebener Anlass, auf ihr Leben einen intensiven Blick zu werfen. ‚Marjellchen‘ ist ein inzwischen schon fast ausgestorbener Begriff, das sagen die Leute in Ostpreußen zu einem ‚Mädchen‘. Marjellchen Irmgard, Jahrgang 1928, wächst behütet in ihrer Familie im ostpreußischen Gumbinnen auf. Mit zwölf Jahren, fast dreizehn, beginnt sie 1941, ein Tagebuch zu schreiben. Nach ihrem Tod liest die Tochter dieses Tagebuch. Schnell wird klar, welchem Druck das kleine Mädchen standhalten muss, als es zu schreiben beginnt: Der Krieg mit Russland hat gerade begonnen und die Bedrohung ist schon bald spürbar. Nach kurzer Zeit merken die Menschen selbst im ruhigen Ostpreußen, dass die ersten Todesfälle Lücken in die Familien reißen. Trotzdem vergehen noch Jahre, bis die kleine Familie, inzwischen ganz ohne Männer, auf abenteuerlichen Wegen nach Schleswig-Holstein flüchten muss. Das immer wieder eindringliche Dokument des Tagebuchs begleitet sie auf ihrem Weg.

    In Schleswig an der Schlei angekommen, ist der Krieg schon nach wenigen Tagen vorbei. Die kleine Stadt in der Nähe vom völlig zerstörten Kiel nimmt tausende von Flüchtlingen auf. Sie bietet im ersten Sommer nach Kriegsende wieder ein wenig heile Welt: Badefreuden im Haddebyer Noor, Bekanntschaften mit anderen jungen Leuten, manchmal auch Treffen mit einigen Menschen aus der alten Heimat. Irgendwann geht dann auch die Schule wieder los und gibt dem aus den Fugen geratenen Leben neue Struktur. Doch die tiefen Wunden, die der Krieg aufgerissen hat, bleiben.

    Selbst in der nächsten Generation, von der man sagt, sie hätten die ‚Gnade der späten Geburt‘ gehabt, selbst dort ist noch viel von den niemals therapierten verwundeten Seelen der Elterngeneration zu spüren. So bietet dieses Buch einen Blick auf das Schicksal der Ostpreußenkinder, gesehen aus den Augen der Nachkriegsgeneration. Auch die deutsche Wissenschaft kümmert sich inzwischen verstärkt um das Schicksal dieser vielen Kriegskinder. So kann man dieses Buch als einen Beitrag sehen, der die wissenschaftlichen Forschungen mit den Erfahrungen der eigenen Kindheit der Autorin bereichert.“

    VAS-Verlag, Bad Homburg v.d.H., 2012, ISBN 978-3-88864-481-8, 14,80 Euro.

    • Da können wir nur hoffen, das diese Generationen jetzt eine Möglichkeit zur Aufarbeitung finden.
      Ähnlich verhält es sich ja auch mit den „Nachkriegskindern“, die in den Heimen nach dem Krieg Jahrzehnte lang misshandelt, gequält, gefoltert und, und, und… ich mag jetzt nicht alle Greuel erwähnen.
      Da hat die Aufarbeitung auch erst sehr viel später angefangen. Inzwischen werden es immer mehr Betroffene, die sich melden und den Weg der Konfrontation gehen.
      Leider sind die Kriegskinder in einem Alter, wo sie nicht mehr aufarbeiten können, es kostet ja auch viel Kraft, das alles noch mal zu durchleben.

      Danke für Deinen Buchtipp 🙂

      Ganz LG
      Mara

  3. Jüngste psychologische Studien haben tatsächlich gezeigt, dass Traumata und natürlich auch Kriegs-Traumata der Mütter als unverarbeitete Information zu 35% an die Kinder weitervererbt wird.

    Und was nicht „vererbt“ wird, fließt vielleicht unbewusst
    als Angst in die Erziehung mit ein.

    • Das ist die sogenannte Epigenetik.

      Da übernimmt man sogar noch die Traumata der Großeltern, auch wenn man diese noch nie gesehen hat. Rein über die Gene der Eltern. Und dann fragen die sich manchmal, was könnte denn ihr Kind haben. Auf die Idee, dass es ein Traumata des Großvaters oder der Großmutter handeln könnte, da kommt natürlich niemand.

      Ganz LG
      Mara

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